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> EDITORIAL Heft Nr. 66 (Dezember 2016)

Zwischen Teilhabe und Teilnahme

In den heutigen Zeiten wird oft von Teilhabe gesprochen. Konkret bei Menschen mit Behinderungen geht es um die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das ist, angesichts unzähliger Barrieren, bitter nötig. Bemerkenswert ist, der Begriff ist im Ausmaß seiner Verwendung heute recht neu.

Selbstverständlicher war bisher der Begriff des Teilhabers. Er definiert in der Wirtschaft den Kompagnon oder Unternehmens-gesellschafter. Es wäre sicher interessant zu ergründen, ob sich bei der gesellschaftlichen Teilhabe das Wirtschaftliche durch die Hintertür eingeschlichen hat, in Zeiten des Neoliberalismus wäre das kein Wunder.

Zumindest drängen sich solche Gedanken bei der Vorlage eines Bundesteilhabegesetzes auf. Denn es geht hier unter anderem um Geld, um einen umfassenden gesellschaftlichen Zugang für behinderte Menschen zu ermöglichen – Geld, das auch mit dem neuen Gesetz nicht zur Verfügung steht. Das Gesetz ist ein Fiasko, meint Ulrike Baureithel (Seite 1).

Teilhabe wird auch mit dem älteren und bisher gebräuchlicheren Wort der Teilnahme übersetzt, das wiederum mit Beteiligung und Mitwirkung in Verbindung gebracht wird. Diese Wortbedeutung hatten sicher die Protestierenden im Hinterkopf, als sie ihren Unmut gegen das Teilhabegesetz zum Ausdruck brachten. Doch Vorsicht, auch Teilnahme ist ein zweischneidiges Schwert. Ist sie von den Beteiligten nicht frei gewählt, kann sie ebenso schaden. So nahmen viele Heimkinder und -jugendliche in den 1950/60er Jahre unfreiwillig an Studien zur Erprobung von Medikamenten teil – mit erheblichen Folgen für ihre Gesundheit. Näheres erläutert Sylvia Wagner auf Seite 2.

Jenseits der (nicht)-vorhandenen gesellschaftlichen Teilhabe/Teilnahme kann schon die Zugehörigkeit zur Gruppe behinderter Menschen nicht nur die Teilhabe, sondern die bloße Existenz unmöglich machen. Das traf nicht nur im Nationalsozialismus zu, sondern auch in Osteuropa. Volker van der Locht stellt dazu ein Buch vor (Seite 6).

Für die kommende Zeit zwischen den Jahren wünschen wir unseren Leserinnen und Lesern, dass sie teilhaben an den geruhsamen und stillen Tagen.

Für die newsletter-Redaktion

VOLKER VAN DER LOCHT

Die aktuelle Ausgabe Nr. 66 des newsletter Behindertenpolitik erschien als Beilage zu BIOSKOP Nr. 76.

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