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EDITORIAL Heft Nr. 88 (Juni 2022)

Schräge Blicke

Der Newsletter Behindertenpolitik hat wieder acht Seiten mit schrägen Blicken auf Gegenwart und Vergangenheit. Was heute jeder und jede im Munde führt, ist das schöne Wort „Diversität“. Michael Zander bietet in seiner Buchkritik eine ungewöhnliche, streitbare Interpretation des Begriffs. Aus „liberaler Ideologie“ entlehnt, ist der „Trubel um Diversität“ meist reine Sprachpolitik. Die wirklichen Verhältnisse entgehen womöglich der Kritik: soziale Ungleichheit, die dem Kapitalismus innewohnt. „An die Stelle kontroverser Argumentationen tritt also eine sich auf Befindlichkeiten berufende passiv-aggressive Vermeidungsstrategie (Siehe Seite 2).

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Dergleichen scheint neuerdings auch zum Repertoire der Diversitätsideologie zu gehören. Das zeigt auch das Buch von Heike Ehrig und Doris Krumpholz. Sie haben eine qualitative Studie über beruflichen Erfolg von Frauen mit und ohne Behinderung gemacht. Gemeint sind damit nicht die sogenannten Karriere-Frauen, sondern jene, die subjektiv mit ihrem Job zufrieden sind und ihre selbstgesetzten Ziele erreichen konnten. Ein Ergebnis der Studie: Frauen haben schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als Männer und sind immer noch mit Rollenklischees konfrontiert und einer Aufteilung der Sorgearbeit, die äußerst traditionell ist. Damit haben besonders Frauen mit Behinderung zu kämpfen (Siehe Seite 6).

Eine, die immer gekämpft hat, war Hannelore Witkofski. Sie war eine wichtige und streitbare Akteurin der Behindertenbewegung. Die Nachrufe, besonders jener von Oliver Tolmein auf die leider verstorbene Hanne, erinnern daran – und auch an die Zeit der erkenntnisförderlichen Kontroversen (Siehe Seite 7). Eine weitere Frau, Uschi Aurien, erinnert ebenfalls an „die Herausforderung der Vergangenheit“ und an das notwendige Engagement der Gegenwart im Rahmen der digitalen, sehenswerten Ausstellung der ambulanten dienste e.V (Siehe Seite 1). Udo Sierck eröffnet einen neuen Reigen über Menschen mit Behinderung, die nicht bloß Opfer, sondern auch berühmt gewordene Gestalter ihres Lebens waren, unter den widrigsten Umständen. Eröffnet wird der Reigen mit Matthias Buchinger, der von 1674 bis 1740 lebte. „Er war 74 Zentimeter groß und ohne Hände und Füße geboren. Das Metropolitan Museum in New York dokumentierte 2016 dessen Vita und Werk in einer Ausstellung (Siehe Seite 5).

So können wir mal üben, „wesentlich im Sinne einer anderen Wahrnehmung“, den „einengenden Verhältnissen durch Witz und Ironie zu trotzen. Oder: Einfach zu überleben.“ Das kann Menschen mit und ohne Behinderung hoffentlich gelegentlich gelingen.

Für das Team des newsletters
Erika Feyerabend

Die aktuelle Ausgabe Nr. 88 des newsletter Behindertenpolitik erschien als Beilage zu BIOSKOP Nr. 98.

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